Zwölf Biografien von Sportlern und Trainern in der „Hall of Fame des deutschen Sports“ sind von einer wissenschaftlichen Experten-Kommission gründlich geprüft worden. Es ging um Bezüge zur NS-Zeit auf Grundlage neuer Quellen-Befunde und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen. Auch die Vita von Karl Adam war betroffen. Sporthistoriker Erik Eggers erhielt den Auftrag, die Lebensläufe inhaltlich zu überarbeiten. Adam bleibt in der „Hall of Fame“, aber es wurden Passagen ergänzt. Diese Ergänzungen sind teils sehr spekulativ und verlangen nach einer differenzierteren Einordnung. Ins Rollen kam die Aufarbeitung 2024 durch einen Wink des Historikers Armin Jäger, dass in den Viten einiger Sport-Ikonen auf der „Hall-of-Fame“-Website die Verweise zu deren NS-Mitgliedschaften fehlten.
von Timo Reinke
Die Rudertrainer-Legende Karl Adam ist hoch dekoriert. Neben zwei olympischen Goldmedaillen für die von ihm gecoachten Achter 1960 (Rom) und 1968 (Mexico City) gab es weitere Auszeichnungen: das Goldenes Band der Sportpresse (1960), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ratzeburg (1962), das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (1972) und die Ehrendoktorwürde der TH Karlsruhe (1972). Zudem wurde er 2008 posthum in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen. Mehr Anerkennung geht kaum. Ein bundesdeutscher Sportheld, der von Ruder-Experten weltweit bis heute als Pionier, Visionär und vielseitiges Genie gefeiert wird.
Naturgemäß hat Adam, 1912 in Vorhalle/Westfalen geboren, als junger Mann die totalitäre Herrschaft des nationalsozialistischen Deutschlands durchlebt. Studium und Berufseinstieg überschneiden sich komplett mit den 13 diktatorischen Jahren, in denen das NS-Regime die deutsche Volksgemeinschaft gleichgeschaltet und propagandistisch im Würgegriff hatte. Welchen Platz nahm Adam in diesem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte ein?
Es geht nicht darum, den prägnanten Ruderprofessor, der von vielen Sportinteressierten mit Schiebermütze, Rechenschieber und um den Hals baumelnden Stoppuhren assoziiert wird, um jeden Preis reinzuwaschen. Vielmehr will der Autor auf Grundlage der aktuell vorliegenden Quellen-Lage erörtern, ob Karl Adam zwischen 1933 und 1945 konkrete Vergehen angelastet werden können, die über reine Mutmaßungen hinausgehen.
Die „Hall of Fame des deutschen Sports“ wurde 2006 von Tischtennis-Ass Hans Wilhelm Gäb ins Leben gerufen und 2008 in Berlin feierlich gegründet, allerdings ohne die Mithilfe von Sport-Historikern. „Wir hatten uns damals schon gewundert. Es gab keine Anstalten, Sport-Expertise in den Prozess einzubinden“, erinnert sich Dr. Berno Bahro, Sporthistoriker an der Uni Potsdam. Inzwischen haben sich 139 Athleten, Trainer, Funktionäre und Gestalter des deutschen Sports ihren Platz in der virtuellen Ruhmeshalle verdient (Stand 15.07.2026).
Knapp 20 Jahre später war die Hilfe der Historiker willkommen, weil einige Lebensläufe einer fundierten Prüfung unterzogen werden sollten. Ein Experten-Casting lief an. „Die Sporthilfe kam auf mich zu, ob ich Lust hätte, in der Kommission mitzuarbeiten“, erzählt Dr. Bahro. Im Januar 2025 gab es online die ersten Zoom-Calls mit Vertretern der Sporthilfe und den fünf auserkorenen Fachleuten. Neben Dr. Bahro warfen Dr. Jutta Braun (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Erik Eggers (Sporthistoriker), Prof. Dr. Manfred Lämmer (Deutsche Sporthochschule Köln) und Prof. (i.R.) Dr. Hans Joachim Teichler ihr Wissen in die Waagschale. Die fünfköpfige Kommission hat sich etwa acht Monate dezidiert mit den zwölf „Problem-Biografien“ beschäftigt. Am 1. September 2025 fand eine finale Pressekonferenz in Berlin statt, auf der die Ergebnisse des Quintetts offiziell vorgestellt wurden.
[Link: https://www.hall-of-fame-sport.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/hall-of-fame-des-deutschen-sports-kein-ausschluss-von-mitgliedern-aus-der-ns-zeit-1]
Die Sporthilfe hielt das Team an der langen Leine. „Uns wurde freie Hand gelassen, welche Infos wir heranziehen und wie wir uns entscheiden“, erklärt Dr. Bahro. „Hätten wir nach reiflicher Überlegung den Ausschluss eines Akteurs empfohlen, wäre das von den drei Trägern der „Hall of Fame“ – Sporthilfe, Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) und Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) – ohne Murren akzeptiert worden. Niemand hat uns etwas in den Mund gelegt.“ Lediglich die zwölf Charaktere standen fest. Über dieses Dutzend war bereits eine Debatte entbrannt, speziell durch einen SZ-Artikel. Historiker Armin Jäger wies im März 2024 darauf hin, dass die Partei-Zugehörigkeiten besagter Sportgrößen in den „Hall-of-Fame“-Biografien bislang kaum Erwähnung fanden.
Erik Eggers übernahm die Haupt-Recherche. „Er hat Akten aus dem Bundesarchiv gehoben, in die Entnazifizierungsunterlagen geschaut und geprüft, was von den Sport-Legenden so publiziert wurde“, lobt Dr. Bahro. „Seine geschnürten Quellen-Pakete bildeten die Basis für unsere Diskussionen, die teils kontrovers verliefen. Wir kamen häufiger zu unterschiedlichen Interpretationen und mussten Punkte nachrecherchieren, um mehr herauszubekommen.“
Bei der wissenschaftlichen Marschroute herrschte Einigkeit: „Wir haben keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben. Eine nachweisbare Partei-Mitgliedschaft [in der NSDAP] hat nicht reflexartig den Rausschmiss aus der Ruhmeshalle zur Folge gehabt. Diesen Automatismus lehnen wir kategorisch ab.“ Die Forschung zum Nationalsozialismus hält mittlerweile ein präzises methodisches Tool bereit, um die Verstrickung einer Person in das NS-Regime differenziert zu analysieren. Die Methode unterscheidet zwischen handlungsbezogener, materieller und formaler Belastung. Diese Auffächerung ließe sich beispielhaft mit Verbrechen, Geld und Parteibuch übersetzen. In der Praxis war aber nicht jedes Parteibuch (formale Belastung) mit einem Kriegsverbrechen (handlungsbezogene Belastung) verknüpft.
So hält die Experten-Kommission in ihrer gemeinsamen Stellungnahme fest: „Bei der Untersuchung einer etwaigen NS-Belastung [muss] nicht nur die bloße Mitgliedschaft in NS-Organisationen, sondern individuelles Verhalten bewertet werden. Als einziges Kriterium die formale Mitgliedschaft zu wählen, ohne individuelle Motive, persönliche Entwicklungen und Charakterveränderungen sowie die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte jedes einzelnen Individuums angemessen zu berücksichtigen, […] führt zu Fehlschlüssen.“
[Link: https://www.sporthilfe.de/fileadmin/pdf/Hall_of_Fame/Expertenkommission_Stellungnahme_Aufarbeitung_NS-Zeit.pdf]
Dr. Berno Bahro stellt unmissverständlich klar: „Bei den zwölf von uns begutachteten „Hall-of-Fame“-Fällen mit NS-Vergangenheit handelt es sich nicht um Kriegsverbrecher. Da sind keine schweren Delikte während der NS-Zeit zu Tage getreten. Es ging eher um Mitgliedschaften in NS-Gruppierungen oder Partei-Zugehörigkeiten.“ Zu bewerten war also primär die ideologische Nähe zum Regime, nicht die pragmatische, sondern die tatsächliche. „Ein Ausschluss aus der Ruhmeshalle stand bei keinem der von uns in Augenschein genommenen Sport-Legenden zur Debatte. Es wurde kein schwerwiegendes, belastendes Material gefunden, das so einen konsequenten Schritt gerechtfertigt hätte.“
Da die Kategorie „Kriegsverbrecher“ glasklar ausscheidet, muss eine Stufe darunter gegraben werden. Wo hat sich Karl Adam Vorteile verschafft? Waren die teils erzwungenen Mitgliedschaften in SA und NSDAP reiner Pragmatismus, um in den gewünschten Feldern studieren und arbeiten zu können? Oder sind die Beitritte ideologisch motiviert gewesen?
„Ich vertrete den Ansatz, dass man sich jede Biografie sehr differenziert anschauen muss“, sagt Dr. Bahro. „Warum hat eine Person ab 1933 bestimmte Entscheidungen getroffen? Aus tiefster politischer Überzeugung? Oder ging es darum, beruflich voranzukommen und seinen Karriere-Pfad zu beschreiten?“ Materiell hat Karl Adam eindeutig nicht profitiert, ganz im Gegensatz zu Profi-Radfahrer Gustav Kilian, der für seine Rennen Preisgelder einstrich. „Adam war ein Profiteur des Systems, er genoss beruflich-akademische Vorteile. Die Beamtenstellung, das war sein Gewinn. Adam durchlief eine Standard-Karriere, aber eben im Dritten Reich mit den Institutionen, die damals dazu gehörten.“
„Adams formale Belastung muss man dagegen berücksichtigen“, stellt Dr. Bahro heraus und verweist auf teils kontroverse Gespräche innerhalb des Historiker-Quintetts. Theoretisch hätte Adam ein ums andere Mal NEIN sagen können: bei seiner Berufung an die Napola oder seinem Eintritt in die NSDAP. „Adam ist einerseits nicht als aktiver Widerstandskämpfer oder Oppositioneller in Erscheinung getreten, andererseits war er kein glühender Anhänger der Nationalsozialisten. Die Kommission hat versucht, sich an der Datenlage zu orientieren und Spekulationen aus dem Vita-Text herauszuhalten. Wir nennen die Fakten.“
Historiker Erik Eggers erhebt in der umgeschriebenen „Hall-of-Fame“-Vita den Vorwurf, dass Adam 1933 auf dem Campus nicht protestiert habe, als er per Zwangsdekret – wie tausende andere Studenten in Münster auch – schlagartig in die SA überführt wurde. Dr. Bahro geht da nicht mit: „Bei Ablehnung der SA-Mitgliedschaft hätte Adam sein Studium direkt an den Nagel hängen können. Exmatrikulation und Repressalien wären möglich gewesen. Die SA hat offenkundig Druck auf die Studenten ausgeübt.“
Welcher junge Kommilitone wäre in diesem Moment schon Manns genug gewesen, das Wort gegen einen skrupellosen, im Straßenkampf erprobten Schläger-Trupp zu erheben? Adam wählte einen smarteren, risikoärmeren Weg, um die SA-Uniform abzustreifen. Er schloss sich aus eigenem Antrieb dem Nationalsozialistischen Fliegerkorps an (NSFK), einer von Hermann Göring gegründeten paramilitärischen Organisation für Segel- und Motorflug.
„Die aufgedrückte SA-Eingliederung in der Studienzeit kann man Adam nicht anlasten. Er trat wieder aus und wechselte ins Fliegerkorps. Eine Formation, die nicht besonders politisch in Erscheinung getreten ist“, sagt Dr. Bahro. „Wenn ich mit der SA liebäugele, dann gehe ich nicht freiwillig zu den Fliegern. Dieser Wechsel spricht nicht gerade dafür, dass Adam an der SA hing. Ein überzeugter Nationalsozialist hätte auf so einen Schritt wohlweislich verzichtet.“
Das NS-Regime packte ihn am ehesten über seine emotionale Bindung zum Sport. Adam lernte die Sportförderung im Reich kennen und durfte sich manche Rosine rauspicken. „In dieser Phase, zwischen Studien-Abschluss in Münster und Berufseinstieg in Bensberg, hat er eventuell schon sympathisiert“, mutmaßt Dr. Bahro. „Adam studierte ab 1937 ein Jahr an der renommierten Reichsakademie für Leibesübungen in Berlin und profitierte von den dortigen Angeboten. Die Kurse leiteten teilweise absolute Koryphäen, wie Otto Nerz oder Carl Diem. Als junger Mann hat Adam diese Förderung sicher gerne mitgenommen. Sein akademischer Karrierepfad nahm Fahrt auf.“
Von der Reichshauptstadt führte ihn dieser Pfad ungebremst ins Rheinland. Es mag Adams größtes „Vergehen“ gewesen sein, Kadetten an einer Nationalpolitischen Lehranstalt unterrichtet und körperlich ertüchtigt zu haben. Zumindest war er temporär ein kleines pädagogisches Rädchen in der Ausbildungs- und Propaganda-Maschinerie des Dritten Reiches. Seine Berufung nach Bensberg nahe Köln hätte der spätere Ruder-Bundestrainer vermutlich ablehnen können, ohne größere Konsequenzen fürchten zu müssen.
Erholung nach dem Training. Adam in seiner Zeit als Student an der Reichsakademie für Leibesübungen in Berlin.
Napolas waren staatliche Einrichtungen, eingegliedert in das Reichserziehungsministerium, und dabei eher militärisch ausgerichtet. Sie liefen in der Tradition preußischer Kadetten-Schulen. Angenommene Zöglinge bekamen eine gute Erziehung. Die Napolas betrieben eine Besten-Auslese für die Felder Sport, Militär und Wirtschaft. Sie galten zudem als Eliteschulen des Sports, Leibesübungen und Körperkultur spielten eine herausragende Rolle.
Dr. Bahro besteht hier auf einer Abgrenzung zu den Adolf-Hitler-Schulen. „Dort saß die verklärte Führer-Elite in den Klassenräumen. Das waren dezidierte Partei-Schulen, die den NSDAP-Nachwuchs formten.“ Während die Pennäler einer Napola eher als Führungskräfte für Militär und Wirtschaft vorgesehen waren, vielleicht auch als Vorzeige-Sportler, bewegten sich die Adolf-Hitler-Schulen ideologisch auf einem ganz anderen Level.
Wäre Adam im Kollegium einer Adolf-Hitler-Schule tätig gewesen, hätte er sich gewiss unbequemere Fragen vor der Spruchkammer gefallen lassen müssen. Deshalb sieht Dr. Bahro in der Berufung an die Napola nach Bensberg eher kein belastendes Element: „Das war für Adam eine pragmatische Sache. Ihm ist ein attraktives Angebot in einem Top-Umfeld vorgelegt worden. Wer hätte das schon abgelehnt?“
Dass die Berufung nach Bensberg als Auszeichnung zu werten war und eine wichtige Sprosse in der Karriereleiter darstellte, zeigt aber, wie charakterlich stark eine Person im Dritten Reich sein musste, um solche Offerten auszuschlagen. Spätestens seit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin boomte der Reichssport. Adam wurde 1937 in Paris Studenten-Weltmeister im Schwergewicht und nahm eine hohe Reputation aus dem Ring mit nach Hause. In der Hakenkreuz-Hierarchie propagandistisch relevanter Sportarten rangierte Boxen weit oben. Adam war als WM-Champion gefragt. Der Titel öffnete Türen. Er durchschritt diese Türen.
Karl Adam bei seiner Leidenschaft, dem Boxen. 1937 wurde er Studenten-Weltmeister im Schwergewicht.
„Es gab klare Anfragen, ihn an die Napola zu holen. Als studentischer Box-Weltmeister hatte Adam einen Sonderstatus inne – die Nationalsozialisten wollten ihn in Bensberg haben“, sagt Dr. Bahro. „Er hat das sicher gerne gemacht, es reizte ihn womöglich. Laut Entnazifizierungsaussagen sah sich Adam einem sanften Druck ausgesetzt. Diesem Druck gab er nach.“ Das deckt sich auch mit dem Quellen-Stand der 2012 erschienenen Biografie über den Ratzeburger Ruderprofessor. Darin schrieb Head Autor Dirk Andresen, dass Adam zu diesem Schritt „leicht gedrängt“ wurde.
Während seiner Lehrtätigkeit in Bensberg wurde Karl Adam Partei-Mitglied. Die genauen Gründe bleiben aber nebulös. Adam war von Juli 1939 bis August 1940 an der Napola angestellt. Am 10. November 1939, rund zwei Monate nach Kriegsbeginn, beantragte er seine Mitgliedschaft in der NSDAP. „Vielleicht musste Adam deshalb nicht sofort zur Wehrmacht einrücken“, spekuliert Dr. Bahro. „‘Wir können dich hier länger halten, wenn du das Partei-Abzeichen trägst’. Oder es gab moderaten Druck innerhalb der Institution. ‘Wer hier unterrichtet, muss mitziehen’. Aber exakt wissen wir das nicht.“
Während sich die übrigen Bausteine der formalen Belastung von Karl Adam gut erforschen und einordnen lassen (SA | NSFK | Napola), bleibt die NSDAP-Causa aufgrund der dünnen Datenlage eine Black Box. Das zeitliche Zusammenspiel – fünf Monate nach Ankunft in Bensberg beantragt Adam sein Parteibuch – legt allerdings den Schluss nahe, dass es ohne den Karriere-Sprung an die elitäre Napola wohl nicht zum NSDAP-Beitritt gekommen wäre.
Tendenziell hilft in diesem Kontext der eher vage Vita-Vermerk von Erik Eggers weiter, dass an den Napolas im Reichsgebiet „in der Regel“ nur überzeugte Nationalsozialisten tätig waren bzw. sein durften. Diese Annahme stützt die These von Dr. Bahro, dass Napola-Lehrer gefälligst mit dem Strom zu schwimmen hatten. Der Konformitätsdruck in Bensberg mag hier der entscheidende Faktor gewesen sein, Adam zur NSDAP-Mitgliedschaft zu bewegen.
In Summe hat sich das Kommissionsteam bewusst angeschaut: Was ist nach 1945 passiert? Welches Verhalten zeichnete die „Hall-of-Fame“-Mitglieder im besetzten Deutschland aus? Haben die Protagonisten aktiv bei der Entnazifizierung mitgearbeitet und ihre Rolle im Dritten Reich offengelegt? Oder haben sie vertuscht, verschleiert und falsche Angaben gemacht? „Eine Person hat etwa ihr Geburtsdatum abgeändert, um sich der allliierten Befragung zu entziehen. Das lässt sich bei Karl Adam alles nicht feststellen“, weiß Dr. Bahro. „Er hat in der britischen Zone vor der Spruchkammer Itzehoe drei Zeugen herangezogen, deren Aussagen am 12. November 1947 zu seiner Einstufung als „entlastet“ geführt haben. Damit eröffnete sich für Adam die Möglichkeit, in Schleswig-Holstein als Lehrer zu arbeiten.“
Sein weiteres Verhalten in der Wirtschaftswunder-Republik lässt nähere Rückschlüsse zu. Während sich etliche Kriegsveteranen nie mit der neuen Realität anfreunden und von der „braunen Vergangenheit“ lösen konnten, ging Adams Blick visionär nach vorne.
Kritikern, die kategorisch einen „Hall-of-Fame“-Rauswurf NS-belasteter Sport-Charaktere befürworteten, nimmt Dr. Bahro jeglichen Wind aus den Segeln. „Karl Adam sehe ich trotz formaler Belastung überhaupt nicht als Ausschluss-Kandidat, weil er sich nach 1945 klar zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt. Er emanzipiert sich früh und fördert dazu den mündigen Athleten. Das erkenne ich bei vielen Personen in damaliger Zeit nicht.“
Dr. Bahro zeigt sich begeistert von der Entwicklung eines Pädagogen, der gleichsam im Ratzeburger Ruderclub wie an der Lauenburgischen Gelehrtenschule für die neuen Werte einstand: „Es ist bemerkenswert, dass Adam diesen Wechsel vollzogen hat, diese Anpassung in die demokratischen Strukturen hinein ohne das Bestehen auf klare Hierarchien. Gemeinsam mit seinen Athleten lebte Adam das Gegenteil von dem, was das Dritte Reich ausgemacht hat. Er gewährte seinen Zöglingen Freiheiten und überließ ihnen Gestaltungsspielräume.“
Adam war demnach kein überzeugter Nationalsozialist und schon gar kein Kriegsverbrecher. Sein Wirken im Dritten Reich muss als ein notwendiges Andocken an die NS-Maschinerie verstanden werden, um beruflich nicht in Verzug zu geraten. Ohne die Beteiligungen in SA und NSDAP verharmlosen zu wollen, erscheint der Kommissionsbefund, Adam in der „Hall of Fame“ zu belassen, nach genauer Betrachtung der Quellen-Basis absolut korrekt zu sein. Vor allem, weil eine handlungsbezogene und materielle Belastung ausgeschlossen werden kann.
Dr. Bahro bilanziert: „Karl Adam rangiert zwischen Mitläufer und „entlastet“ ohne nachweisbare Vergehen im Dritten Reich. Vielleicht ist er für einen gewissen Zeitraum mitgelaufen. Grundsätzlich gilt er für mich aber als entlastet, vor allem aufgrund seines Umgangs mit der eigenen Vergangenheit nach 1945. Seine Lebensleistung seit Kriegsende sticht sehr positiv hervor. Das rechnen wir ihm hoch an. Adam selbst hat seine Handlungen und Zugehörigkeiten während der NS-Zeit transparent gemacht und nichts verheimlicht.“
So richtig endet die Arbeit eines Historikers nie, wie auch Dr. Bahro weiß: „Das ist grundsätzlich ein laufender Prozess, kein finaler Befund. Neue Akten-Bestände werden plötzlich besser zugänglich, die Quellen-Lage kann sich schlagartig verändern, auch durch die Aussagen von noch lebenden Zeitzeugen. Deshalb sind die Biografien aller zwölf untersuchten „Hall of Famer“ nicht in Stein gemeißelt.“
Wer gehörte der sporthistorischen Experten-Kommission an?
(Bahro | Braun | Eggers | Lämmer | Teichler)
Wie lange hat die Kommission „getagt“?
(etwa acht Monate; Start Januar 2025; Veröffentlichung der Ergebnisse auf offizieller PK am 1. September 2025 in Berlin)
Zu welchem Ergebnis kam die Experten-Gruppe?
(kein Ausschluss aus der „Hall of Fame“)
Warum bleibt Adam weiterhin Mitglied der „Hall of Fame“?
(nur formale Belastung; keine materielle oder handlungsbezogene Belastung)
Welche Gründe führten zu Adams Rehabilitierung in der deutschen Sport-Community?
(gilt tendenziell als unbelastet; Kommission bewertet Lebensleistung nach 1945; Kehrtwende im Verhalten; offene Mitarbeit bei Entnazifizierung)
Jedenfalls war Adam, der 1931 nach dem Abitur in Münster sein Studium aufgenommen hatte, in der NS-Zeit kein Widerstandskämpfer. Als die gesamte Studentenschaft dort 1933 in die SA überführt wurde, protestierte er nicht. Später erzählte er Schülern wie [Walter Schröder], er sei so schnell wie möglich (Dezember 1934) in das Nationalsozialistische Fliegerkorps (NSFK) übergetreten, um der SA zu entkommen.
Nach einer Hilfstätigkeit im Institut für Leibesübungen in Münster (1933-1937) und dem Referendariat wechselte Adam indes im Juni 1939 als Lehrer für Physik, Mathematik und Sport auf die Nationalpolitische Erziehungsanstalt in Bensberg, also auf eine jener Eliteschulen, die den nationalsozialistischen Nachwuchs heranzüchten sollten. In diesen Napolas waren in der Regel nur überzeugte Nationalsozialisten tätig. Am 10. November 1939 beantragte Adam seine Mitgliedschaft in der NSDAP (Aufnahme: 1. Januar 1940).
Auch gab Adam als Religion „gottgläubig“ an, was einen Kirchenaustritt in der NS-Zeit dokumentierte und die Geschichtswissenschaft heute als ideologische Nähe zum Nationalsozialismus einstuft. Adam, der 1944 in der Normandie schwer verwundet worden war, nach dem Krieg in Wilster/Holstein landete und sich als Meierei-Arbeiter, Torfstecher und Holzfäller durchschlug, wurde dennoch am 12. November 1947 im Spruchkammerverfahren [des Deutschen Entnazifizierungsausschusses in Itzehoe/Holstein, der Kreisstadt des Kreises Steinburg,] als „Entlastet“ eingestuft – so dass er fortan in Ratzeburg als Lehrer arbeiten durfte.
[Link: https://www.hall-of-fame-sport.de/mitglieder/detail/karl-adam]
Der Deutschen Sporthilfe als Initiator ist bewusst, dass die Hall of Fame des deutschen Sports aufgrund der Geschichte Deutschlands eine besondere Herausforderung ist. Mit der Einrichtung und Weiterentwicklung der Ruhmeshalle ist ein Erinnerungs- und Aufklärungsprozess in Gang gekommen, der auch unangenehme Wahrheiten nicht verschweigen soll. Die sportlichen Erfolge der aufgenommenen Persönlichkeiten werden stets im Kontext ihrer jeweiligen Zeit dargestellt und auch etwaige Verfehlungen werden benannt, um Diskussionen anzuregen. Auch die Aberkennung der Zugehörigkeit ist, bei entsprechendem neuem Kenntnisstand, grundsätzlich möglich.
[Link: https://www.hall-of-fame-sport.de/infos]